Geneva Street Fishing Genève pêche de rue

Objectif pêche à Genève

Die Fischer in der Genfer Innenstadt

Street Fishing ist imTrend.Mitten in der Stadt treffen sich Banker, Mechaniker oder Feuerwehrleute nach der Arbeit zum Fischen. In Alltagskleidern, ohne grossen Zeitaufwand. Die grösste Szene der Schweiz hat sich in Genf gebildet.

Wenn der 37-jährige Feuerwehrmann Steve Bel durch die Stadt Genf geht, ist nichts an ihm auffällig, mit Ausnahme eines dünnen, länglichen Stoffsacks, den er am Rücken trägt.Wer nicht weiss,was die Röhre enthält, wird auch nicht erraten, welchem Hobby der Mann in Turnschuhen und Jeans mitten in der Stadt nachgeht.

Erst als Bel auf der Pont de la Machine, einer Fussgängerbrücke, sein Rucksäckchen öffnet und eine Schachtel voller Kunststoffköder herausnimmt, wird klar: Er ist Fischer. «Street Fishing» oder «Urban Fishing» nennt sich dieVariante des Fischens,die Bel betreibt – in Alltagskleidung in der Stadt mit minimaler Ausrüstung. So hat eine uralte Tätigkeit den Sprung ins 21. Jahrhundert geschafft, ist tauglich für neue Generationen geworden,die nicht in «uncoolen» Kleidern stundenlang einsam an einem Bach sitzen wollen,sondern sich am Nachmittag per Smartphone kurzfristig verabreden, um nach der Arbeit mit Kollegen ein, zwei Stunden zu fischen.

Auch Steve Bel,Gründer desVereins «Geneva Street Fishing», ist an diesem Tag nicht alleine unterwegs.Während er den Köder an die Leine hängt, zieht der 16-jährige Kevin Held bereits einen Egli aus dem Fluss. Ein paar Schritte daneben versucht ein frühpensionierter Feuerwehrmann sein Glück, während zwei Mechaniker in den Dreissigern ein Stück flussaufwärts amWerk sind.«Wir haben auch Banker undVersicherungsangestellte im Club», sagt Bel. «Sie müssen nach der Arbeit nur rasch den Anzug gegen die Jeans eintauschen und schon sind sie bereit.»

Das Smartphone ist immer dabei

Bel wirft die Leine mit dem Köder aus. Die Rute hat er noch im Köcher gelassen, das Fischen mit derAngel ist an der Rhone im Stadtzentrum verboten – so sollen Unfälle mit Passanten vermieden werden.Stattdessen hält er in der Hand einen Holzrahmen, so gross wie ein Blatt Papier, um den er die Leine gewickelt hat.«Man sagt,um 1900 hätten Schüler ihre Schiefertafeln zerbrochen, um mit dem Rahmen Fischen zu gehen»,erzählt Bel. Inzwischen hat sich das Rahmenfischen zu einer Spezialität von Genf entwickelt. Der Köder lässt sich mit dieser Methode präziser auswerfen als mit der Angel, was besonders

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praktisch ist, wenn Bäume im Weg stehen. Jedoch ist es schwieriger, grössere Fische an Land zu ziehen,da deren Zappeln nicht durch die Rute abgefedert wird. Somit lebt der Fischer mit dem Risiko, dass gerade bei einem grossen Fang die Leine reisst.

Wenn es ihm aber gelingt, den Egli, die Barbe oder die Forelle aus dem Wasser zu holen, folgt nach dem Griff zum Massband derjenige zum Smartphone. Der typische Street Fisher teilt das Foto das Fanges sofort via Facebook oder andere Netzwerke. Das weitere Schicksal ist offen.Viele Street Fisher verspeisen ihre Fische nicht, sondern lassen sie zurück ins Wasser. «Catch and release» («fangen und freilassen») wird das genannt oder «no kill» – immerhin hat sich Street Fishing etwa gleichzeitig wie der Vegetarismus- und Vegantrend global verbreitet. Von Gesetz her ist das Angeln mit der Absicht, den Fisch wieder freizulassen,zwar verboten. Doch in der Praxis wird es oft toleriert und es ist ein offenes Geheimnis, dass es auch in Genf viele Fischer praktizieren. Das Erfolgserlebnis am Gewässer ist dem Street Fisher wichtiger als der Fisch in der Pfanne.

Ein Trend, der um die Welt geht Begonnen hat der Trend des Street Fishing vor rund 30 Jahren in Japan und den USA. Rasch schwappte er nach Frankreich über,und inzwischen haben sich auch in holländischen und deutschen Städten grössere Szenen gebildet. In der Schweiz sind die Genfer zwar die Einzigen, die in einem Verein organisiert sind,aber auch in Zürich und anderen Städten mit Flüssen sind Street Fisher anzutreffen. «Street Fishing hat der Fischerei neuen Schwung verliehen», sagt Bel. Die Industrie hat reagiert und ihr Sortiment ergänzt: mit Kunststoffködern aller Art – sie sind leichter zu handhaben als tierische Köder. Mit Polaroidbrillen,deren Gläser die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche verschwinden lassen und die gleichzeitig ein schickes Accessoire sind. Mit handlichen Ruten in allen Farben bis hin zu pink – dank Street Fishing ist der Frauenanteil unter den Fischern gestiegen.

In Genf sind jedoch kaum fischende Frauen anzutreffen, die meisten der rund fünfzig Mitglieder von «Geneva Street Fishing» sind Männer.DerVerein wurde von Steve Bel per 1. Januar 2013 ins Leben gerufen. «Ich habe Geneva Street Fishing gegründet,um unseren Interessen eine Stimme zu geben», sagt er, der denVerein auch in der Fischereikommission des Kantons vertritt.Dabei zeigt er auch Geschick in der Öffentlichkeitsarbeit.ImWinter, jeweils kurz bevor die Rhone für die Fischerei geöffnet wird, reinigen die Street

Köder gehören zur Grundausstattung.

Fisher gemeinsam mit weiteren Freiwilligen die Rhone.«Wir ziehen Tische,Stühle,Velos heraus», erzählt Bel. «Zwar sind Velos kein Problem für die Wasserqualität, aber es ist eine symbolische Aktion.»

Nebenbei pflegen die Street Fisher aber auch jedes Mal, wenn sie in der Stadt fischen gehen, Kontakte zur Bevölkerung. Touristen fragen nach dem Weg, Einheimische erkundigen sich, was es mit den Rahmen auf sich hat, und Kollegen erzählen, an welcher Stelle sie amVortag einen besonders schönen Egli gesehen haben.Bei schönemWetter flanieren entlang den Ufern und auf den Brücken in der Genfer Innenstadt für das Empfinden der Fischer manchmal gar zu viele Leute.

Zwischendurch ein Bierchen

Denn ein richtiger Street Fisher braucht etwas Bewegungsfreiheit, er steht nie lange ruhig am gleichen Ort: Nur wenige Sekunden,nachdem Steve Bel den Köder ausgeworfen hat, zieht er ihn auch schon wieder ein und probiert es ein paar Meter nebenan. Vier, fünf Mal, und falls dann noch nichts angebissen hat, sucht er sich einen neuen Standort. Nur wenn er gerade einen hübsch grossen Fisch im Wasser entdeckt, versucht er es länger an einer Stelle.

SeineVereinskollegen haben sich in andere Richtungen davongemacht. Doch per Telefon vereinbaren sie zwischendurch wieder einTreffen,um bei einem Bierchen die Ruten  bereit zu machen. Denn auch der See ist in Gehdistanz, und da lassen sich mit der Angel auch vom Ufer aus ganz schöne Fänge machen. An diesem Tag klappt es zwar nicht, aber Bel hat auch schon andere Erfahrungen gemacht: In einem soeben veröffentlichten Bericht eines Fischereimagazins über die grössten bekannten Hechtfänge im Genfersee steht er auf Platz zwei mit einem Fisch von 138 Zentimeter Länge.

TEXT :

NIKLAUS SALZMANN

TIERWELT / 42, 15. okTobER 2015